Auf der Jagd nach dem perfekten Espresso

Den göttlichen Tropfen – es gibt ihn nicht. Und doch verbringen immer mehr Menschen ihre freie Zeit damit, ihn zu suchen. Der perfekte Espresso wird wohl immer ein lebenslanger Traum bleiben.

Aber man kann sich dem God Shot annähern und ihn immer besser hinbekommen. Denn was wäre das genießerische Dasein ohne einen Espresso nach dem Essen – oder einfach nur mal zwischendurch, als kleiner Höhepunkt des dahinplätschernden Arbeitstages? In den letzten Jahren ist weltweit eine regelrechte Kaffeemanie ausgebrochen, einerseits in der Masse befeuert durch bekannte Kaffeehausketten, andererseits von einem Netzwerk rühriger Kaffee-Enthusiasten, die in Internetforen über die perfekte Wassertemperatur bis auf die Kommastelle genau diskutieren oder die sich in ihrer Garage einen eigenen Röster aufgebaut haben.

In Italien dagegen ist die Kaffeekultur »in einer Zeit stehen geblieben als die Fernseher noch Antennen hatten«, wie der US-Journalist Oliver Strand lästert. Und das ist verdammt gut so. Kaffeeketten haben sich noch nicht breitgemacht. Und selbst Strand gibt zu, dass auch in den hippen Coffeeshops von Kopenhagen oder Barcelona oder São Paulo immer noch die Maschinen von den italienischen Herstellern Faema, Mazzer, La Marzocco, Nuova Simonelli, La Pavoni und La San Marco stehen – so klangvolle Namen, dass man sie bei Kaffeefreaks auf T-Shirts und sogar Tattoos wiederfindet.

Als Ferrari unter den Kaffeemaschinen gilt übrigens die »Victoria Arduino Black Eagle 388« von Nuova Simonelli, deren Prototyp nach sechs Jahren Entwicklungszeit im Oktober 2013 vorgestellt wurde und die seit Anfang 2014 zu erwerben ist. Der Preis? Etwa so hoch wie ein deutscher Kleinwagen.

Doch um sich die Tipps zum God Shot zu holen, sollen keine deutschen Blogger, sondern echte Baristi gefragt werden. Ja, Barmann oder Barfrau ist in Italien ein ehrbarer Beruf, ebenso wie Kellner, und kein Job von gestressten Studentinnen, die dringend dazuverdienen müssen und oft nicht ganz bei der Sache sind.

Das Produkt zählt!

Das heißt: Achtet auf Trommelröstung. Die ist schonender, bekömmlicher und aromatischer. Die meisten Bohnen durchlaufen eine Heißluftröstung. Diese ist günstiger, billiger, aber brutal und macht den Kaffee bitter. Für welche Sorte ihr euch dann entscheiden, ist euch überlassen: Ein God Shot kann sowohl eher kräftig als auch eher fruchtig daherkommen. Was die richtige Bohne angeht, hilft nur Ausprobieren. Reagieren mit Vorsicht auf allerlei Marketinggeklingel. Wenn 125 Gramm Kaffee 39,95 Euro kosten, weil jedes Tongefäß, in dem die Bohnen verschickt werden, handbemalt wird »und damit ein Unikat und echtes Kunstwerk« ist, dann hat es vielleicht seine Gründe. Auch die oft gehörte Meinung, dass Arabica-Sorten edler seien als Robusta-Sorten, ist schlicht falsch. Testet euch durch das Angebot, schaut ruhig auch mal in Internetforen vorbei, doch denkt immer dran: Was ein God Shot ist, definiert letztlich eurer Geschmack!

Ohne eine gute Maschine geht nichts!

Es führt kein Weg an einer vernünftigen Kaffeemaschine vorbei, und zwar an einer Siebträgermaschine, die es ab rund 150 Euro gibt. Der abnehmbare Siebträger wird mit Kaffeemehl gefüllt. Je teurer die Siebträgermaschine, desto mehr Dinge lassen sich einstellen – Druck, Menge des Pulvers, Brühtemperatur –, und das ist gut so. Denn ihr wollt euch ja dem God Shot experimentell annähern. Fragt beim Verkäufer nach einem Druckventil im Siebträger. Das ist wichtig, damit der Wasserdurchfluss erst freigegeben wird, wenn der richtige Druck aufgebaut ist, meist um die 10 bar.

 

Eine separate Kaffeemühle ist eine weitere wichtige Investition, denn nur frisch gemahlen schmeckt’s vernünftig. Und viel Spaß beim Experimentieren! Der God Shot ist übrigens, wie beispielsweise die perfekte Runde Golf, unerreichbar. Aber man kann ein erfülltes Leben damit verbringen, es immer und immer wieder zu versuchen.

 

Ein Wort noch zur Latte Macchiato, dem übel beleumundeten Getränk, das einer ganzen Bevölkerungsgruppe einen Namen gab (»Latte-Macchiato-Mütter«). Italiener halten Latte Macchiato mit seinem obszön großen Milchanteil für barbarisch, mindestens jedoch für kindisch: Schon bei einem Cappuccino nach der Frühstückszeit sträuben sich Südländern ja die Haare. Nun sollt ihr euch zwar von niemandem vorschreiben lassen, was ihr wie und wann zu trinken habt, aber tatsächlich gibt es kaum ein sinnloseres Getränk als Latte Macchiato. Dabei wurde es tatsächlich in Italien erfunden – aber nur, um die Kleinen behutsam an den Kaffeegeschmack heranzuführen. In 15 Jahren Italien habe ich tatsächlich noch keinen Erwachsenen gesehen, der es je für sich bestellt hätte. (Touristen zählen nicht.) Ein Klecks Milchschaum im Espresso ist dagegen vertretbar. Aber nur gerade so.

 

Noch ein Hinweis: Ein Espresso ist tatsächlich bekömmlicher als normaler Kaffee. Die Bohnen werden länger geröstet, dadurch werden Gerbstoffe und Bitterstoffe abgebaut. Ein Espresso hat auch weniger Koffein als eine Tasse Kaffee. Beim Filterkaffee tröpfelt das heiße Wasser langsam durch das Kaffeemehl, beim Espresso wird das Wasser mit viel Druck durchgepresst; dadurch ist die Kontaktzeit von Wasser und Kaffeemehl kürzer, es werden weniger Inhaltsstoffe gelöst. In Bezug auf sein Volumen hat der kleine Espresso zwar relativ viel Koffein, aber nur etwa halb so viel wie eine Tasse Kaffee. Schlafstörungen werden von ihm sicher nicht ausgelöst, sonst würden sich jeden Abend Millionen von Italienern unruhig in ihren Betten wälzen.