Italiens erste Genießer Teil 2: Giovanni di Medici

Im Christentum stellten sich die römischen Kleriker als die neue Genießer-Kaste heraus. Den Anfang machte Kardinal Ludovico Trevisan, der den Spitznamen »Kardinal Lukullus« bekam, mit dem Meisterkoch Martino de Rossi ein kongeniales Duo bildete und diesem um 1470 den Aufstieg als Küchenzauberer ermöglichte. De Rossi verweigerte sich der damaligen Mode, alle Speisen zu Tode zu würzen; er wollte stattdessen den Eigengeschmack des Ausgangsprodukts stärken. Außerdem kochte er als einer der ersten Köche überhaupt bereits mit Pasta. Sein Kochbuch »De honesta voluptate« (etwa: »Schlemmen ohne Reue«), herausgegeben von de Rossis zweitem Förderer, dem Humanisten Bartolomeo Platina, gilt als das erste gedruckte Kochbuch und brachte es als Bestseller zu 16 Auflagen.

Wie Giovanni di Medici zum Klerus kam

Ein Nachfolger von Kardinal Lukullus war Papst Leo X., einer der schillerndsten Stellvertreter, der je sein Gesäß, welches nach Zeitzeugenberichten alles andere als klein war, auf dem Heiligen Stuhl platzieren konnte. Er kam als Giovanni di Medici und Sohn des großen Lorenzo des Prächtigen zur Welt. Lorenzo nutzte sein Vermögen mit Bedacht und engagierte Dichter und Schöngeister, die seine Söhne unterrichteten. Giovanni hatte als zweitgeborener Sohn das übliche Pech, dass vom Vermögen des Vaters nur ein paar Krümel für ihn abfielen. Daher wurde er für die kirchliche Laufbahn bestimmt und bekam schon mit sieben Jahren die Tonsur verpasst. Über den unvorteilhaften Haarschnitt musste er sich nicht grämen, als Trost erhielt er Pfründe in Frankreich. Ein paar Monate später, immer noch ohne Flaum und Achselhaare, wurde er Domherr von Florenz und gar als Bischof von Aix-en-Provence gehandelt, doch die Meldung, dass der Amtsinhaber gestorben sei, entpuppte sich als Ente.

Zu jener Zeit hieß der Papst Innozenz VIII., über den in Rom der Spruch kursierte »Octo nocens pueros genuit, totidemque puellas; hunc merito poterit dicere Roma patrem«, »Acht Buben zeugte er unnütz, genauso viele Mädchen; wegen dieser Verdienste könnte er der Vater Roms genannt werden.« Der Kindermacher versuchte, die unheimliche Karriere des reichen Jünglings zu sabotieren. Doch die Medici waren mächtig und Innozenz wusste, dass man sich seine Feinde sorgfältiger aussuchen sollte als seine Freunde. Als Friedensangebot verheiratete er seinen Sohn (damals hatten Päpste offiziell noch Söhne.) mit einer Medici, zudem wurde Giovanni 1489, mit 14 Jahren, zum Kardinal ernannt. Doch mittlerweile war Julius II. Papst geworden, ein Ehrgeizling, der den Grundstein für den Petersdom legte und die Schweizergarde begründete, weil er um seine Sicherheit fürchtete. Er hatte hehre Ziele und kein Auge für die Ränkespiele des jungen Giovanni und seiner Familie; der einstige General träumte den illusorischen Traum von einem vereinten Italien unter päpstlicher Herrschaft. Im Windschatten dieses Luftschlossbauers vergrößerte der junge Kardinal seine Macht.

Der große Gourmet wurde zum Papst berufen

Als Julius II. 1513 starb, hatte Giovanni de’ Medici genügend Freunde für den ganz großen Coup um sich geschart: Mit 37 Jahren wurde er zum Papst gewählt. Das Prozedere gestaltete sich als äußerst problematisch, weil Giovanni zwar Kardinal, aber formal gesehen kein Geistlicher war. Also wurde er einen Tag nach der Wahl zum Bischof geweiht und einen weiteren Tag später zu Papst Leo X. gekrönt.

Leos Leitspruch, natürlich nur im Kreis von Vertrauten geäußert, machte klar, was man von ihm erwarten konnte: »Da Gott Uns das Pontifikat verliehen hat, so lasst es uns denn genießen.« Man kann nicht gerade sagen, dass er mit Leib und Seele Führer der Christenheit war. Immerhin förderte er Kunst und Kultur nach Kräften, religiöse Aspekte waren dagegen, wie für viele der »Renaissancepäpste«, Nebensache. Aus christlicher Sicht war Leo eine glatte Fehlbesetzung; so soll er den Satz geäußert haben: »Alle Welt weiß doch, wie viel uns diese Fabel von Jesus eingebracht hat.« Hofnarr Baraballo, immer in seinem Schatten, musste Prügel einstecken, wenn niemand über seine Witze lachte. Statt die Bibel zu studieren, ging der Papst lieber angeln und auf die Jagd, aber seine wahre Passion galt dem Essen. Er veranstaltete beinahe wöchentlich gewaltige Festmähler, und zeitgenössische Porträts zeigen einen voluminösen Mann – und das, obwohl man die Maler der Päpste in allen Belangen zur Schönfärberei anhielt.

Leo wäre vielleicht in der Geschichte vergessen worden, doch sein Pech war, dass ausgerechnet zu seiner Amtszeit ein Augustinermönch aus Wittenberg mit seinen 95 Thesen für Unruhe sorgte und letztlich einen ganzen Kontinent in den Krieg stürzte. Als ambitionierte Esser müssen wir Leo verteidigen: Die Missstände, die Martin Luther anprangerte, waren nicht des Papstes Schuld, seine Vorgänger waren weit unchristlicher. Der unmoralische Ablasshandel zum Bau des Petersdoms beispielsweise, der Luther wütend machte, war Julius’ Idee gewesen.

Giovanni di Medici war ein opulenter Gastgeber

Als Gastgeber war Papst Leo in seiner Paraderolle: Einmal lud er praktisch die gesamte römische Oberschicht zu sich, fast 3.000 Patrizier. Als kleine Überraschung hatten Bedienstete in die Servietten kleine Vögel gewickelt, und: als die Gäste ihre Servietten aufschlugen, taumelten die verstörten Tiere benommen über die Tische, was, wie ein Chronist berichtete, doch mächtig Eindruck machte. Die Gäste kamen in den Genuss von 25 Gängen. Als Höhepunkte sind gezuckerte Kapaune mit Goldüberzug überliefert sowie Pfaue, die man nach dem Braten wieder in ihr Federkleid steckte, sodass sie stehend und wie lebend serviert wurden. Leos Leibspeise war Hühnerbrust, gefüllt mit Trüffeln und Hackfleisch, in Butter gebräunt und in Madeira-Wein getunkt, als Beilage Pilzfarce und Makkaroni auf besondere Art: in Hühnerbrühe gekocht, in frisch geriebenem Parmesan gewendet und in Weißweinsauce aufgetragen. Ja, der Mann wusste zu leben. Und er hatte zumindest die Entscheider Roms stets auf seiner Seite.

Oder doch nicht? Leo starb, in bestem Alter und kerngesund, am 1. Dezember 1521 mit nur 46 Jahren so überraschend, dass man bis heute einen Giftanschlag vermutet. Letztlich war ihm dann doch einiges aus der Hand geglitten; die Zeit war reif für Reformen gewesen, die er aufgrund seines Lebenswandels nicht angehen konnte. (Nicht, dass sich sein Nachfolger eifriger zeigte.) Nicht einmal die Sterbesakramente konnte er empfangen. Und aufgrund seiner Schulden sollen angeblich nicht einmal die Kerzen für seine Bestattung bezahlt worden sein.

Der römische Klerus machte die Pasta populär

Hier kommt übrigens eine Theorie, die ich als Pasta-Experte einfach mal aufstelle, an die ich aber fest glaube, obwohl ich sie nur anekdotisch belegen kann: Der Siegeszug der Nudel in Italien hatte auch damit zu tun, dass es dort in der Renaissance so unfassbar viele schwerreiche alte Leute gab – deren Gebiss es nicht mehr gestattete, die Zähne herzhaft ins Wildbret zu schlagen. Also standen Köche hoch im Kurs, die »weiche« und leicht zu kauende Speisen fabrizieren konnten. Tortellini mit durchgequirlter Fleischfüllung sind vielleicht nicht das Gleiche wie ein Schweinebraten, aber immer noch besser als nur Suppe. Ohne elektrische Geräte war die Herstellung solcher zahnschonender Genüsse äußerst aufwendig, personalintensiv und damit teuer – aber als Papst, Bischof, Fürst oder Medici-Clanmitglied musste sich niemand Sorgen um so eine lästige Nebensächlichkeit wie Golddukaten machen.

 

Stefan Maiwald