Mein Grado – Heimatinsel mit traditionellem Handwerk

Grado, der Ort in dem ich lebe, ist eine Insel. Aber Grado ist auch eine Kleinstadt, in der – wie in einem Bilderbuch für Kinder – jeder Beruf genau einmal vertreten ist. Da gibt es einen Schuhmacher, eine Schneiderin, einen Apotheker, einen Fischauktionator, einen Zahnarzt und einen Krimskramsladenbesitzer, in dessen Geschäft man den ganzen Rest findet.

Und nicht nur das: Hier sehen die Menschen auch noch kongruent zu ihrem Broterwerb aus. Der Schuhmacher trägt eine große blaue Schürze wie Meister Eder. Der Apotheker hat eine starke Brille und ist der Dorfintellektuelle, in dessen Schaufenster die Plakate der aktuellen Klassikkonzerte in Grado und den umliegenden Gemeinden aushängen. Silvano, der Fischauktionator, hat ein breites Lachen und einen prächtigen Händedruck. Die Schneiderin habe ich schon mal in einer Bar getroffen und sie trug ganz selbstverständlich ihr Nadelkissen am Unterarm.

Jetzt kommt meine Ledertasche ins Spiel. Ich trage sie schon seit der 10. Klasse mit mir herum. Sie ist das Accessoire, das es am längsten mit mir ausgehalten hat. Sie ist inzwischen ebenso würdevoll wie unleugbar in die Jahre gekommen, mit Gebrauchsspuren aus Konferenzen, wo sie achtlos getreten wurde, und Kneipen, wo sie, während ihr Besitzer dem Feierabend zuprostete, den einen oder anderen Schwall Bier oder heiße Asche abbekam. Doch mit der Zeit hatte sich ein Riss gebildet, der von Tag zu Tag schlimmer wurde, so dass die Tasche bald nur noch ornamentale Bedeutung hatte, weil sie keinerlei Papier mehr aufnehmen konnte, ohne es sofort zu verlieren. Sie war gewissermaßen alt und inkontinent geworden.

Also ging ich eines Nachmittags zum Schuhmacher. Der beäugte den Riss und sagte: »Alles klar, morgen früh.« Diese beiden Satzteile hatte ich noch von keinem Handwerker gehört. Denn in Deutschland wäre es, falls der Schuhmacher die Tasche überhaupt angenommen hätte, entweder der komplizierteste, irreparabelste Riss gewesen, den der Schuhmacher in seiner vierzigjährigen Laufbahn jemals zu Gesicht bekommen hätte, oder sein Auftragsbuch wäre so prall gefüllt, dass vor nächsten Monat »bei aller Liebe« nichts ginge. Oder aber, und das war am wahrscheinlichsten, ich hätte beide Lamentos zugleich gehört und obendrauf noch den Satz, dass man diese speziellen Geräte »natürlich nicht« selbst im Laden habe und man die Tasche verschicken müsse, was zusätzlich ein paar Wochen dauern könne und, klar, "etwas mehr" koste.

Es kam noch besser. Am nächsten Morgen war der Riss verschwunden und die Tasche mit irgendeinem Öl poliert, so dass sie aussah wie frisch von der Schönheitsfarm. Als ich fragte, wie viel es machte, druckste der Schuhmacher eineWeile herum. Ich befürchtete das Schlimmste. Aber dann sagte er: "Na gut, fünf Euro".

Er hatte tatsächlich mit sich gerungen, weil er es mir umsonst anbieten wollte, aber dann dachte er sich, dass vielleicht ich es gewesen wäre, der damit ein Problem gehabt hätte. Und damit hatte er verdammt Recht. Ich war extra vorher beim Bankautomaten gewesen, weil ich mit einem üppigeren, sogar dreistelligen Betrag rechnete. Jetzt schämte ich mich und gab ihm den Geldschein. Am liebsten hätte ich ihn umarmt. Aber aus seiner blauen Schürze ragten oben ein paar Schraubenzieher raus, die sich vielleicht in meine Brust gebohrt hätten.

 

Stefan Maiwald