Neapel mit allen fünf Sinnen erleben

Die Neapolitaner sind bekannt für ihre Leidenschaften: für den Fußball und für ihre Stadt. Doch auch viele Besucher Neapels sind der Stadt und ihrer Umgebung leidenschaftlich verfallen. „Dieser Himmel, dieser Duft, diese Seligkeit!“ rief der russische Dichter Iwan Turgenjew bei seinem Besuch aus. Neapel ist Nahrung für alle fünf Sinne – im Übermaß. Diese Stadt entfacht Leidenschaft und nötigt Respekt ab. Ein sinnlicher Reisebericht.

Ankommen in Neapel

Es ist später Abend als ich in Neapel ankomme. Zwei Stationen sind es bis zur Piazza Cavour. Nur die Straße überqueren und dann soll ich das große, gelbe Gebäude, in dem sich mein Bed & Breakfast befindet, gleich sehen. Der Straßenverkehr auf der Piazza Cavour ist belebt und die Ampel kaputt. Ich schaue zur Seite, um den Neapolitanern zuzusehen. Blickkontakt aufnehmen und beherzt auf die Straße treten. Geschafft. Mein Zimmerfenster geht auf die Hauptstraße hinaus. Gegen ein Uhr weckt mich das Piepen der Müllfahrzeuge und ich schließe die Balkontür meines Zimmers.

Ein Ozean aus Licht und Schatten

Schon zum Frühstück ist es heiß. Doch im Schatten der engen Altstadtgassen lässt sich der Hitze gut trotzen. Auf einem Spaziergang dort möchte ich Neapel nahe kommen, die Atmosphäre in mich aufnehmen und Kirchen besichtigen. Seit 1995 ist die Altstadt von Neapel Weltkulturerbe der UNESCO. Doch stattdessen (und ja, trotz Stadtplan, Reiseführer, Navigation) verschluckt Neapels Altstadt mich. Die Gassen schlagen wie Wellen über mir zusammen und ich sinke wehrlos in Neapels weichen Bauch. In einem Schwarm aus Neapolitanern mit Einkaufstaschen schwimme ich vorbei an Marktständen voller Gemüse, Tomaten der Sorte Vesuvio, Tintenfischen, Muscheln, Fisch und chinesischem Plastikallerlei. Neapel wirkt wie ein unzähmbarer Ozean.

Neapel, Stadt voller Geschichten

Ursprünglich eine griechische Gründung war Neapel unter der Herrschaft der Anjou in der Zeit der Renaissance eines der kulturellen und ökonomischen Zentren Italiens. Im 16. Jahrhundert machte starkes Bevölkerungswachstum der Stadt zu schaffen. Neapel wuchs zur größten Stadt Italiens und nach Paris zur zweitgrößten Stadt Europas. Mancher Herrscher wie der spanische Vizekönig Pedro Álvarez de Toledo bemühten sich, der Enge mit städtebaulichen Maßnahmen wie Aufstockungen der Quartiere Herr zu werden. Doch die meisten der vielen verschiedenen Herrscher Neapels kümmerten sich mehr um ihre eigenen Reiche. Sie versäumten Reformen und so verschärften sich die sozialen Unterschiede nur. Die jahrhundertelange Fremdherrschaft verbunden mit repressiver Politik schrieben der Stadt und ihren Bewohnern eine Skepsis gegenüber staatlicher Gewalt in die Gene.

So dicht beieinander liegen hier Licht und Schatten, denke ich und schaue auf. Auf der Hauptstraße Carlo III. werde ich wieder ausgespuckt. Als ich später auf den Capodimonte-Hügel steige, um einen Blick von oben auf das Stadtmeer zu werfen, komme ich mit jedem schweißtreibenden Schritt mehr und mehr in Neapel an.

Die Schichten Neapels fühlen

Ihre Intensität verdankt die Stadt Neapel auch ihrem Alter: zweieinhalb Jahrtausende unbändiges Leben. Die Straßen der Altstadt folgen noch heute dem rasterförmigen Plan des griechischen Stadtplaners Hippodamos von Milet. In römische Zeiten kehre ich mit einem Besuch in den Katakomben von Neapel zurück. Von den Römern verfolgt beerdigten die frühchristlichen Gemeinden hier ihre Toten. Die Sozialkooperative La Paranza mit vielen jungen Freiwilligen vermittelt auf den Führungen durch die Katakomben, die im Stadtteil Sanità liegen, interessantes Wissen. Um die Totenkulte der Neapolitaner ranken sich viele Geschichten. Sie waren ein kreativer Weg der Menschen, mit den zahlreichen Opfern der Pestepidemien umzugehen. Auf dem magischen Fontanelle-Friedhof wird diese Zeit lebendig.

Neapel hören

Als ich mich am anderen Tag wieder auf den Weg in die Altstadt mache, konzentriere ich mich auf ein Ziel: die Sansevero Kapelle. Die kleine, private Barockkapelle wurde im 18. Jahrhundert von ihrem Besitzer, dem adligen Erfinder Raimondo de Sangro restauriert. Im Inneren der Kapelle befinden sich wunderschöne Marmorskulpturen. Ich möchte die Skulptur des verhüllten Christus sehen. Obwohl ich schon Fotos kenne, bin ich, als ich endlich vor ihr stehe, von ihrer Schönheit zu Tränen gerührt. Die hochrealistische Darstellung zeigt den von den Wunden der Kreuzigung gezeichneten Christus, verhüllt von einem Grabtuch, komplett aus Marmor gearbeitet.

Ich folge meinem Weg, gelange auf die Piazza Gesù mit seiner Kirche, trinke einen Kaffee in einer Bar, um mich abzukühlen.

Der Reichtum der Eindrücke lässt meine Sinne hyperaktiv werden und mich müde. Wieder auf den Beinen höre ich fröhlichen Gesang und den Klang des Tamburins. Eine begeistert klatschende Menge umringt drei Musiker. Sie singen die Cicerenella, ein neapolitanisches Volkslied. Es ist eine Tarantella, die sofort in die Beine geht.

Neapel riechen und schmecken

Bevor ich am Abend wieder in den Zug nach Norden steige, versuche ich mein Glück am Nachmittag erneut. Ich spaziere durch das Sanità-Viertel entlang der Via Fontanelle und hoffe, dass der Fontanelle-Friedhof vielleicht noch geöffnet hat. Die Enge der Stadt drückt das alltägliche Leben auf die Straße. Ich laufe um Wäscheständer herum und der Duft frisch gewaschener Wäsche begleitet mich. Manchmal, so scheint es, laufe ich durch Küchen und Wohnzimmer.

Auch fühle ich mich ständig beobachtet und manchmal unwohl, wenn Motorroller schnell und nah vorbeiknattern. Drei Männer an der Ecke schauen mich über die Straße hinweg an. Zum Friedhof immer geradeaus, bedeuten sie mir freundlich. Als ich vor dem verschlossenen Friedhofstor stehe, kommen gerade zwei Mitarbeiter heraus und laden mich ein, morgen früh wieder zu kommen. Ach, Neapel, auch ich werde nicht von dir lassen können und noch oft wieder kommen.

Neapels Spezialität lässt sich am besten aus dem Steinofen des Pizzabäckers genießen: die Pizza Margherita. Sie ist für die Neapolitaner die einzig wahre Pizza.

 

Mozzarella aus Büffelmilch (Mozzarella di Bufala) ist eine weitere kampanische Spezialität. Die Büffel grasen auf den Weiden entlang der Küste. Ein weiterer wichtiger Bestandteil der neapolitanischen Küche sind Meeresfrüchte wie Venusmuscheln und Miesmuscheln. Während diese am besten frisch, und damit vor Ort zu genießen sind, lässt sich folgendes Rezept gut zu Hause probieren: Parmigiana di melanzane  oder Melanzane alla parmigiana. Das heute in ganz Italien beliebte Gemüsegericht stammt aus Süditalien (und nicht wie der Name suggeriert aus Parma). Die Hauptbestandteile sind Auberginen, Tomaten und Mozzarella.

 

Stefanie Claus