San Silvestro – italienische Bräuche zu Silvester

Ach, wunderbar! Italiener wissen einfach, wie man feiert. Und so ist Silvester eines meiner Lieblingsfeste. Neben Weihnachten. Und meinem Namenstag, der in meinem Fall praktischerweise auf den 26. Dezember fällt. Die Zeit zwischen Nikolaus und dem 6. Januar ist voller bunter Farben, poppiger Ballons und Lichterkreiseln, genauso wie Regisseure in Hollywood-Filmen lustige Drogentrips inszenieren.

Besonders zu Silvester gibt es ein paar italienische Bräuche und Eigenarten. Als erstes – und das macht jeden Deutschen völlig verrückt –  werden Silvesterfeiern nicht langfristig geplant, sondern spontan entschieden. In den letzten zwei Jahren haben wir uns jeweils erst am 30. Dezember dazu entschlossen ein Fest zu machen. Und unsere Wohnung war am Tag drauf randvoll.

Ich bin mir sicher: Hätten wir nur eine halbe Stunde mit der Ankündigung gewartet, hätte sich ein anderer gemeldet und eine Party bei sich daheim ausgerufen. Es ist ein bisschen wie der alte Witz vom Beamten-Mikado: Wer sich zuerst bewegt, verliert. In diesem Jahr habe ich beschlossen, mindestens bis zum 31. Dezember vormittags zu warten. Wollen doch mal sehen, ob vorher nicht irgendjemand die Nerven verliert und schweren Herzens die Party-Posse zu sich einlädt.

Beim Silvesterfest selbst geht es natürlich hoch her. Wobei, auch das ist typisch Italien, das Essen immer wichtiger ist als das Trinken. Ein Freund von mir besitzt ein sehr romantisches Hotel, das sehr oft für Hochzeiten angemietet wird. Bei einer italienischen Hochzeit geht es in den Vorgesprächen stundenlang ums richtige Menü. Bei einer deutschen Hochzeit wird im Vorfeld ewig über die Alkoholauswahl diskutiert.

 

Traditionell gibt es an Silvester cotechino, eine Kochwurst aus Schweinefleisch, mit Bergen von Linsen. Die Linsen simulieren Geldstücke und je mehr man davon isst, desto reicher wird man im nächsten Jahr. Noch einer der lustigen Bräuche, der regional verbreitet ist: In der Minute vor Mitternacht müssen so viele Weintrauben wie möglich verschlungen werden. Auch hier gilt: Je mehr ihr verdrückt, desto üppiger wird das neue Jahr!

Am allerwichtigsten ist aber wohl die Farbe Rot, denn die bringt an Silvester Glück. Man muss möglichst viel Rot am Körper tragen, daher ist ein beliebtes Silvestergeschenk rote Unterwäsche. Auch sonst hilft alles Rote; meine Frau bindet Gästen immer rote Geschenkeschleifen ums Handgelenk, um auf Nummer sicher zu gehen.

Hier noch eine Anekdote von einer Silvesterfeier, zu der wir vor ein paar Jahren in einem Nachbarort eingeladen waren: Nach dem Feuerwerk half jeder ein bisschen beim Aufräumen. Ich wollte ein paar geleerte Weinflaschen wegschmeißen und beobachtete den Gastgeber, wie er die Flaschen in den Hausmüll schmiss und nicht separat entsorgte. Noch etwas benommen und keineswegs vorwurfsvoll, aber natürlich typisch Deutsch, fragte ich: »Sagt mal, trennt ihr hier den Müll nicht?«

Und dann antwortete er in einem Satz, der Italien in all seinen Facetten zusammenfasst, in all seinen guten und seinen weniger guten Seiten. Der Satz enthält die äußerst liebenswerte mediterrane Leichtigkeit ebenso wie den mitunter enervierenden mediterranen Schlendrian. Kurz: Der Satz ist reinstes Italien. Er sagte nämlich:

»Ja, sicher, aber doch nicht am Silvesterabend!«

 

Stefan Maiwald